Die Schriftstellerin Ursula Jetter

Unverwüstlich und zeitlos - Eine Frau zwischen Krisen und Ehrungen

07.04.2008 Ulrike M. Dierkes

Ursula Jetter ist Diplompädagogin, Psychologin, Dozentin für Musiktherapie, Schriftstellerin und Herausgeberin der ältesten baden-württembergischen Literaturzeitschrift.

Die "exempla" ist Baden-Württembergs älteste Literaturzeitschrift und erscheint im 34. Jahrgang in Ludwigsburg

Frau Jetter, wie verlief Ihr beruflicher Werdegang vor der Literatur?

Eigentlich begleitete mich die Literatur, seit ich denken kann, ist Urgrund meines Lebens. Aber ich wurde lange Zeit nur wahrgenommen als Lehrende, als Musikerin und Therapeutin (Gesprächs-, Musik- und Psychodramatherapeutin). Ich habe zweimal studiert mit 3 Kindern und neben meiner leitenden 20-jährigen Tätigkeit in der Psychiatrie an diversen Hochschulen als Pionierin und Dozentin der Musiktherapie gelehrt. Wir schufen damals im Rahmen der Psychiatrie ein völlig neues Berufsbild (Dipl. Musiktherapeut) und hatten in jahrelanger Auseinandersetzung mit erheblichen Vorurteilen der Schulmedizin zu kämpfen.

Seit wann spielt die Literatur eine so ausfüllende Rolle, wie kam es dazu?

Dass sich im Laufe der Jahre über alles hinweg das Schreiben, die Literatur, in meinem Leben durchgesetzt hat, empfand ich als schwierigen, teils schmerzlichen Prozess, der Opfer verlangte. Entscheidend waren die Jahre 1987 bis 1990, in denen erstmals meine Gedichte veröffentlicht wurden und ich mich für die „exempla"-Literaturzeitschrift zu engagieren begann.

Sie leiten eine Literaturwerkstatt in Ludwigsburg - welche Menschen kommen zu Ihnen? Kann man Schreiben lernen?

Als Leiterin der „exempla"-Werkstatt ist es mir ein Bedürfnis, allen, die sich zum Schreiben berufen fühlen oder schon als Autor/in schreiben, einen geschützten Raum zu gegenseitigem Austausch zu bieten. Durch Anregung, Ermutigung und konstruktive Kritik kann das Handwerkliche am Schreiben weitgehend erlernt werden. Der „Rest" ist Begabung.

Wann und wodurch wurden Sie Herausgeberin der Literaturzeitschrift „exempla"?

Ich veröffentlichte zunächst als Lyrikerin und Erzählerin in der „exempla". Die Zeitschrift wurde 1974 in Tübingen von einer Studentengruppe um Peter Poertner (ehem. Mitherausgeber des Konkursbuches, heute Professor für Japanologie) und dem Germanisten, heute Schriftsteller, Ralph Roger Glöckler gegründet. Schwerpunkt war die Förderung junger literarischer Talente in den Bereichen Lyrik, Kurzgeschichte und Essay in Verbindung mit der Veröffentlichung arrivierter, auch ausländischer Autoren. Nach Weggang der Gründungsmitglieder übernahm 1980 der Tübinger Lyriker Wolfgang Rappsilber die Herausgeberschaft. Als durch die Insolvenz des Verlags Ankenbauer (1987) die „exempla" ihrerseits in existenzielle Schwierigkeiten geriet, sprang ich helfend ein und wurde Mitherausgeberin.

Alleinherausgeberin bin ich seit 2000. Unter meiner Ägide wandte sich die „exempla" vermehrt gesellschaftlich relevanten Themen zu: („Verwerfungen", Gewalt, Schuld- und Judenfrage, moderne Formen der Gefährdung menschlicher Würde, Europa- Osteuropa, etc.)

Dank Ihrer Person wurde die Krise 1987 also gemeistert?

Das trifft zu, blieb aber nicht die einzige Krise, die zu bewältigen war. Im Jahr 2002 strich das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst, Stuttgart den vier geförderten Literaturzeitschriften des Landes Baden-Württemberg das Fördergeld von 10.000 DM im Jahr. Dabei hatte ich ohnehin schon damals über 20 Jahre lang meine Arbeitskraft und persönlichen Beziehungen als Schriftstellerin dem Land kostenlos zur Verfügung gestellt und außerdem alles, was neben den reinen Herstellungskosten der Zeitschrift anfiel, längst aus eigener Tasche finanziert. Das drohende Aus konnte ich zwar verhindern, aber allein mein zeitaufwändiges Umwerben von Sponsoren ließ uns bis heute überleben.

Mal abgesehen vom Existenzkampf der „exempla" - welches sind Ihre eigenen, wichtigen schriftstellerischen Werke?

Als Veröffentlichungen wären zu nennen:

  • „und suchen ein verstummtes wort" (Lyrik und Prosa)
  • Schwäbische Verlagsgesellschaft, Tübingen 1990
  • „Musiktherapeutisches Märchenspiel"(Buch mit Tonkassette)
  • Schwäbische Verlagsgesellschaft, Tübingen 1991
  • „Klangräume der Stille" (Prosa) Bölk Verlag, Tübingen 1996
  • „Die Prozession aus Afrika" (Prosa) Bölk Verlag, Tübingen 1997
  • „erkundungen und befunde" (Lyrik) Bölk Verlag, Tübingen 1998
  • „Sex und Liebe - unversöhnt?"(Essay) Broschur der „exempla" 2003
  • „grenzgänge, niemandsland" (Lyrik und Prosa) Tübingen 2003/04

Sie sind unter anderem Mitglied im Internationalen P.E.N.-Club, wie wird man das, abgesehen von den schriftstellerischen Erfolgen?

Außer schriftstellerischem Niveau, der ersten grundlegenden Voraussetzung, gilt es, als Autor/in durch Leben und Werk erkennbar, in herausragender Weise für die in der Charta des Internationalen P.E.N. verankerten Ziele einzutreten. Engagement für Menschenrechte und freie Meinungsäußerung, Schutz für Minderheiten und Verfolgte, Einvernehmen und gegenseitige Achtung der Nationen, Bekämpfung von Rassen-, Klassen-, Völkerhass und politischer Indoktrination, etc.

Sie haben auch Ehrungen erhalten. Welche im einzelnen?

Aus der Zahl der Preise und Ehrungen wären mir als „wichtig" erlebte zu nennen:

  • Der Scheffelpreis (Literatur) und ein Preis für Musik, beides beim Abitur
  • Die Förderung durch den Förderkreis Deutscher Schriftsteller
  • Meine Aufnahme in den Internationalen P.E.N.
  • Der Literaturpreis des Internationalen P.E.N.

für mein Werk als Lyrikerin und Erzählerin, sowie langjährige Herausgeberin der „exempla".

  • Die Ehrung der Stadt Ludwigsburg
  • Die Ehrung als Schriftstellerin und Herausgeberin anlässlich des 30-jährigen Bestehens der „exempla" im Wilhelmspalais Stuttgart (Stadtbücherei Stuttgart)

Was bezeichnen Sie als Ihren persönlichsten Erfolg?

Nie aufgegeben zu haben und dies trotz der Verantwortung für meine 3 Kinder und meinen viele Jahre schwer kranken Mann, sowie mannigfache gesellschaftliche Widrigkeiten.

Und was bezeichnen Sie als Ihren schönsten Erfolg?

Da gibt es mehrere Höhepunkte! In chronologischer Folge: Meine schon genannten ersten Preise für Literatur und Musik (Abitur), die Geburt meiner 3 Kinder, die Etablierung des ersten Deutschen Studiengangs für Musiktherapie und mein eigenes Therapiehaus in der Psychiatrie, mein erstes Buch („und suchen ein verstummtes wort"), die Aufnahme in den Internationalen P.E.N.

Was wünschten Sie sich für Ihre literarische Zukunft, wenn Sie drei Wünsche frei hätten?

Schreiben und nochmals Schreiben - und als Drittes verständnisvolle Sponsoren zum Erhalt der „exempla" und der Förderung des schriftstellerischen Nachwuchses.

Vielen Dank für Ihr Interview, viel Glück und dass sich alle Ihre Wünsche erfüllen.

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Ursula Jetter exempla-Herausgeberin, Foto: Galerie Wolf Ursula Jetter exempla-Herausgeberin
   
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